Offener Brief aus der Musikszene: Drei Organisationen aus der österreichischen Musikszene appellieren an Christopher Seiler

Wien (OTS) – Angesichts aktuell diskutierter Vorwürfe richten mica –
music
austria, der Österreichische Musikrat und MuFA-Musik Für Alle, einen
offenen Brief an den Musiker Christopher Seiler in Reaktion auf seine
persönliche Stellungnahme via Social Media.

Besonders erschreckend an seinem Statement ist die
Bagatellisierung des Vorfalls.

Viele Menschen haben kein klares Bewusstsein dafür, wo Gewalt
beginnt. mica – music austria, dem Österreichischen Musikrat und MuFA
-Musik Für Alle geht es in dem offenen Brief darum, dass Vorfälle wie
dieser ernst genommen werden müssen und nicht relativiert werden
dürfen.

Sehr geehrter Herr Seiler,

Musik verbindet, bewegt und prägt. Gerade deshalb tragen Menschen
wie Sie, die im Rampenlicht stehen und viele erreichen, eine
besondere Verantwortung – nicht nur künstlerisch, sondern auch
gesellschaftlich.

Seit Wochen wird öffentlich über einen Vorfall gesprochen, der
schwer wiegt. Ihre Stellungnahme dazu erfolgte schließlich über
Social Media – eine Rechtfertigung, begleitet von einer
Entschuldigung. Doch diese wirkt distanziert, beinahe so, als würden
Sie über das Verhalten eines anderen sprechen.

Besonders erschreckend an diesem Statement ist aber die
Bagatellisierung des Vorfalls: Sie ordnen das Auftragen von Kokain
auf die Lippen einer anderen Person nicht als körperliche Gewalt ein.
Sie sprechen von „Phantasiegebilden“ und betonen, was angeblich nicht
passiert sei – keine dunklen Gassen, kein sexueller Übergriff, keine
körperliche Gewalt. Gleichzeitig sagen Sie selbst: „Man geht zu
keiner Person und schmiert ihr Kokain auf die Lippen.“

Genau darin liegt der Widerspruch.

Denn diese Handlung ist nicht bloß ein moralisches Fehlverhalten.
Sie ist ein Übergriff. Sie ist – unabhängig von der genauen
juristischen Einordnung – ein Eingriff in die körperliche
Selbstbestimmung eines anderen Menschen. Sie kann strafrechtlich
relevant sein: im Kontext des Suchtmittelgesetzes, als Nötigung und –
je nach Umständen – auch als sexuelle Belästigung.

Das Problem reicht jedoch über den Einzelfall hinaus.

Viele Menschen haben kein klares Bewusstsein dafür, wo Gewalt
beginnt. Noch immer hält sich hartnäckig die Vorstellung, Gewalt sei
erst dann gegeben, wenn sichtbare Verletzungen entstehen. Doch Gewalt
beginnt viel früher – dort, wo Grenzen überschritten werden. Dort, wo
jemand gegen seinen Willen berührt, manipuliert oder zu etwas
gezwungen wird.

Ihr öffentliches Auftreten hat Einfluss darauf, wie solche
Grenzen wahrgenommen werden. Wenn Sie einen Übergriff relativieren
oder sprachlich verkleinern, trägt das dazu bei, dass auch andere ihn
nicht als solchen erkennen. Das stärkt Haltungen, die Gewalt und
sexuelle Belästigung verharmlosen – und genau das darf nicht
passieren.

Es geht hier nicht um Vorverurteilung, und auch nicht darum, ein
Urteil vorwegzunehmen, das letztlich Gerichte fällen. Es geht um
Verantwortung. Um die Verantwortung, die eigene Handlung klar zu
benennen. Und um die Verantwortung, nicht durch Relativierung zur
weiteren Verrohung des gesellschaftlichen Umgangs beizutragen.

Eine Entschuldigung allein reicht nicht, wenn sie gleichzeitig
das Geschehene kleinredet.

Was es braucht, ist ein ehrliches Anerkennen dessen, was passiert
ist – und ein aktiver Beitrag dazu, Bewusstsein zu schaffen. Ihre
Reichweite könnte genutzt werden, um genau das zu tun: aufzuklären,
Grenzen sichtbar zu machen und zu zeigen, wo Gewalt und sexuelle
Belästigung beginnen. Es gibt zahlreiche Organisationen, die dabei
unterstützen können.

Sie haben die Möglichkeit, aus diesem Vorfall heraus einen Anstoß
für gesellschaftliche Klarheit zu geben.

Nutzen Sie diese Möglichkeit.

Mit Nachdruck!