Österreichs Lehrkräfte zeigen bemerkenswerte Resilienz

Wien (OTS) – Stress und Erschöpfung gehören für viele Lehrkräfte zum
Alltag. Wie
steht es um ihr Wohlbefinden? Eine neue Studie des öbv und der JKU
liefert dazu aktuelle Einblicke und zeigt, wie resilient Lehrende
sind und welche Unterstützung sie sich wünschen.

Lehrkräfte stehen unter enormem Druck, das ist inzwischen den
meisten in unserer Gesellschaft klar. Eine aktuelle Studie des
Österreichischen Bundesverlag Schulbuch (öbv) in Kooperation mit der
Johannes Kepler Universität (JKU), für die Pädagog*innen aller
Schulformen befragt wurden, zeichnet dazu ein überraschendes Bild:
Trotz hoher beruflicher Belastung sind 71 Prozent der Lehrpersonen
mit ihrem Leben sehr oder eher zufrieden. Das unterstreicht, wie
ausgeprägt die Resilienz vieler Lehrkräfte ist – offenbar können sie
mit den unzähligen täglichen Herausforderungen hervorragend umgehen.

Zwtl.: Zwischen Belastung und Berufung

52 Prozent der befragten Lehrkräfte fühlen sich durch die Arbeit
psychisch stark beansprucht, emotionale Erschöpfung ist weit
verbreitet. Zu den größten Belastungsfaktoren zählen administrative
Aufgaben (68 %), zu große Klassen (64 %) sowie der Umgang mit
Heterogenität (63 %). Auch individuelle Förderung (59 %),
Schulentwicklungsarbeit (56 %) und fehlende Pausen (56 %) werden
häufig als herausfordernd genannt.

Gleichzeitig zeigt sich ein bemerkenswertes Gegenbild: 65 Prozent
der Lehrkräfte schätzen ihren allgemeinen Gesundheitszustand als
positiv ein, und eine klare Mehrheit ist mit ihrem Leben insgesamt
zufrieden. Besonders ausgeprägt sind dabei die Dimensionen soziale
Beziehungen, Engagement sowie die Zielerreichung.

„Unsere Daten zeigen, dass Zufriedenheit und hohe Beanspruchung
im Lehrberuf kein Widerspruch sind“ , so Christoph Helm, Leiter der
Abteilung für Bildungsforschung an der Link School of Education (JKU)
. „Viele Lehrkräfte erleben Sinn in ihrer Arbeit, stehen aber
gleichzeitig unter erheblichem Druck.“

Zwtl.: Meister*innen der Resilienz

Wie stark die Beanspruchung im Schulalltag ist, wird beim
genaueren Hinsehen sichtbar: Der anfänglich hohe Enthusiasmus vieler
Lehrkräfte nimmt im Tagesverlauf deutlich ab, während gleichzeitig
die Erschöpfung steigt. Rund drei Viertel fühlen sich am Ende des
Schultages deutlich erschöpfter als zu Beginn.

Umso relevanter ist die Frage, was Lehrkräfte dabei unterstützt,
diesen Anforderungen standzuhalten. 72 Prozent der Befragten nennen
ihr Selbstwirksamkeitsempfinden als entscheidenden Faktor im Umgang
mit Belastungen. Daneben helfen Stressbewältigungsstrategien (63 %),
ein gesunder Lebensstil (60 %) und kollegiale Unterstützung (56 %).
„Es ist beeindruckend, wie stark Lehrkräfte durch ihre persönliche
Resilienz strukturelle Engpässe im Schulsystem ausgleichen. Das
sollte aber nicht der Normalfall werden“ , betont Philipp Nussböck,
Geschäftsführer des öbv.

Lehrkräfte sehen das ähnlich: Rund die Hälfte der Befragten
nutzten ein Freitextfeld, um ihren Unterstützungsbedarf zu
formulieren. Am häufigsten genannt wurden Supervision und
psychologische Begleitung, gefolgt von kleineren Klassen, weniger
administrativem Aufwand, mehr Unterstützungspersonal, einer
gerechteren Entlohnung sowie einer besseren Work-Life-Balance.
Darüber hinaus wünschen sich viele Lehrkräfte mehr Rückhalt durch
Schulleitung und Politik sowie eine stärkere gesellschaftliche
Anerkennung.

Zwtl.: Smartphone, Leistungsdruck und Elternhaus

Auch die Situation der Jugendlichen ist für viele Lehrkräfte
besorgniserregend: Rund die Hälfte der Lehrkräfte geht davon aus,
dass mindestens 40 Prozent ihrer Schüler*innen von psychischen
Belastungen betroffen sind. Die häufigste Ursache dafür scheinen
Smartphone und Social Media zu sein. 88 Prozent der Lehrkräfte geben
an, dass ein relevanter Teil ihrer Schüler*innen dadurch psychisch
belastet ist. Aber auch Leistungsdruck (72 %) und mangelnde
Unterstützung im Elternhaus (73 %) spielen eine wesentliche Rolle.

Viele Lehrkräfte reagieren darauf proaktiv: Ein Großteil setzt
Maßnahmen zur Förderung der mentalen Gesundheit ihrer Klassen – von
Bewegungs- und Entspannungsübungen über Stressbewältigungsstrategien
bis hin zu persönlichen Gesprächen. Besonders engagiert zeigen sich
dabei Sonderschullehrkräfte, die zugleich die höchste eigene
Belastung aufweisen.

Christoph Helm fasst zusammen: „Mentale Gesundheit wird im
Schulalltag durchaus thematisiert, jedoch oft unsystematisch. Hier
besteht aus meiner Sicht klarer Handlungsbedarf.“ Philipp Nussböck
ergänzt: „Lehrkräfte leisten täglich Außerordentliches – auch über
die formalen Anforderungen hinaus. Langfristig braucht es jedoch
Rahmenbedingungen, die sie gezielt entlasten und unterstützen.“