Wien (OTS) – „Wir stehen vor einer Entwicklung mit positiven
Aspekten, aber auch
mit Herausforderungen: Positiv ist, dass die vielfach befürchtete
Verödung der Innenstädte nicht stattfindet. Herausfordernd ist
allerdings, dass die Einzelhandelsflächen rückläufig sind. Die
Struktur und Nutzung der Innenstädte befinden sich sehr stark im
Wandel“, fasst Rainer Trefelik, Obmann der Bundessparte Handel in der
Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), die Ergebnisse des diesjährigen
City Retail Report zusammen. Dabei hat Standort+Markt in Kooperation
mit der WKÖ insgesamt 67 Innenstadtlagen in 63 österreichischen
Städten verschiedener Größe detailliert beleuchtet. Da Standort+Markt
die innerstädtischen Verkaufsflächen bereits seit 2013 untersucht,
sind spannende langjährige Trends ablesbar.
Insgesamt zeigt sich, dass die Gesamtfläche der sogenannten
„Shopflächen“ – also Geschäftsflächen für Einzelhandel, Gastronomie,
Dienstleistungen und Freizeitangebote – in den letzten Jahren in den
untersuchten Cities in Summe leicht rückläufig ist. Deutlich stärker
ist der Rückgang bei den klassischen Handelsflächen. Seit 2016 hat
sich die Handelsfläche in den untersuchten Cities um mehr als 15 %
reduziert. Im Durchschnitt ging in diesem Zeitraum jährlich etwa 1,4
% der Fläche verloren. „Dieser Rückgang wird teilweise durch
einzelhandelsnahe Nutzungen wie Gastronomie, Dienstleistungen oder
Freizeitangebote kompensiert. Es findet also ein
Transformationsprozess statt, der differenziert zu betrachten ist“,
sagt Hannes Lindner, Geschäftsführer von Standort+Markt.
Unterschiede zwischen großen und kleinen Städten
Die Differenzierung betrifft dabei auch die verschiedenen
Stadtgrößen. Generell gilt: Je größer die Stadt, desto vielfältiger
und stabiler ist das Handelsangebot. Auch der Anteil von
Bekleidungsgeschäften ist in größeren Städten wesentlich höher;
dies ist besonders relevant, da diese wesentlich zum Image und zur
Attraktivität von Einkaufsstraßen beitragen. Allerdings ist dieser
Anteil in allen Stadtkategorien rückläufig: Während
Bekleidungsgeschäfte 2018 noch rund 28,5 % der Flächen ausmachten,
liegt ihr Anteil inzwischen bei etwa 24,4 %.
Leerstandsquote gegenüber Vorjahr nahezu unverändert – und stark
lageabhängig
Ein wichtiger Indikator für die Situation der Innenstädte ist
auch die Leerstandsquote. In den 67 untersuchten Innenstadtlagen
liegt sie derzeit bei durchschnittlich 8,4 %. In den Toplagen (A-
Lagen) beträgt sie nur rund 7,7 %. Im Vergleich zum Vorjahr ist die
Quote insgesamt nahezu unverändert geblieben (+0,1 %). Nach
Stadtgröße betrachtet ergibt sich aber auch hier ein
unterschiedliches Bild: In großen Städten (Primärstädte, d.h. größere
Landeshauptstädte und Wiener Einkaufsstraßen) liegt der Leerstand nur
bei 4,8 %, während er in mittleren Städten (Sekundärstädten mit
Einwohnerzahlen zwischen 25.000 und 100.000) rund 7,4 % beträgt. In
Kleinstädten erreicht er dagegen etwa 14,1 %. Somit gilt auch hier:
Je kleiner die Stadt, desto höher ist tendenziell der Leerstand. Dazu
kommt, dass in A-Lagen eine zunehmende Angebots-Konzentration
stattfindet, Nebenstraßen hingegen verlieren.
Die Städte bzw. Einkaufsstraßen mit den geringsten
Leerstandsquoten sind übrigens Mödling (0,8 %), Wels (2,2 %) sowie in
Wien die Favoritenstraße (2,5 %), die Landstraßer Hauptstraße (3,9 %)
und die Meidlinger Hauptstraße (4,3). Die Leerstandsquote alleine
sagt aber noch wenig über die Attraktivität der Geschäfte und des
Branchenmixes aus, weshalb Standort+Markt heuer erstmals auch eine
Benotung der untersuchten Einkaufsstädte bzw. -straßen auf
einzelbetrieblicher (!) Basis vorgenommen hat. Hier liegen der 1.
Bezirk in Wien, Kitzbühel und Tulln voran.
Nachnutzungen und neue Funktionen
Ein wesentlicher Bestandteil der aktuellen Transformation ist die
Nachnutzung von ehemaligen Shopflächen durch „alternative Nutzungen“.
Alleine im vergangenen Jahr wurden 127 Fälle solcher Nachnutzungen
dokumentiert. Rund ein Drittel der Flächen wurde in Büroflächen
umgewandelt, beispielsweise für Architekturbüros,
Rechtsanwaltskanzleien oder Co-Working-Spaces. Weitere Nutzungen sind
Lagerflächen, soziale Einrichtungen, medizinische Praxen oder
Vereine. „Nicht alle neuen Nutzungen tragen gleichermaßen zur
Lebendigkeit der Innenstädte bei. Während Lager oder reine
Wohnnutzung das Stadtbild kaum beleben, können Einrichtungen wie
Arztpraxen oder Co-Working-Spaces, soziale Angebote oder
Dienstleistungen durchaus neue Besuchergruppen anziehen. Und davon
profitiert letztendlich auch der Einzelhandel“, sagt Roman
Schwarzenecker, Gesellschafter von Standort+Markt.
„Die Daten weisen zwar eindeutig nach, dass ein
Transformationsprozess stattfindet, aber dennoch sollte man die
Kirche im Dorf lassen: Der Rückgang der Shopflächen ist nicht
dramatisch und Leerstände bieten auch Chancen für multifunktionale
Nutzung und dadurch mehr Resilienz“, fassen Schwarzenecker und
Lindner die Ergebnisse ihrer Analyse zusammen.
Transformation aktiv gestalten, damit Innenstädte lebenswert
bleiben
Für Handelsobmann Trefelik geht es nun darum, den
Transformationsprozess so zu gestalten, dass Innenstädte auch in
Zukunft lebenswert sind.
„Die gute Erreichbarkeit unserer Einkaufsstraßen bleibt ein
zentrales Anliegen. Dafür brauchen wir attraktive, zuverlässige
öffentliche Verkehrsmittel ebenso wie ausreichend Parkmöglichkeiten.“
Und einige Maßnahmen, die die Attraktivitätssteigerung
unterstützen, finden sich auch im Regierungsprogramm. Diese seien
rasch umzusetzen: „Es ist entscheidend, die Revitalisierung unserer
Ortskerne zu erleichtern – durch weniger Bürokratie, transparente
Verfahren und zeitgemäße Flächenwidmungen. Nur so gelingt es,
Betriebe wieder von der grünen Wiese zurück in die Ortskerne zu
holen“, so Trefelik. Um für neue urbane Nutzungen wie etwa Coworking-
Spaces, aber auch für moderne neue Handelsgeschäfte attraktiv zu
sein, sei zudem der Glasfasernetz- und Breitbandausbau
voranzutreiben.
In Summe sei es wichtig, Leerstände aktiv zu managen und kreative
Umnutzungen oder auch Zwischennutzungen zuzulassen. „Hier müssen alle
an einem Strang ziehen, von den Kommunen bis zu den Eigentümern der
Gebäude. Wir liefern mit der Analyse von Standort+Markt das
Monitoring und die Datenbasis. Darauf aufbauend müssen wir alle
gemeinsam zukunftsfähige Stadtentwicklung betreiben“, so Trefelik. Zu
kreativen multifunktionalen Nutzungen gehören auch neue
Geschäftsmodelle wie Pop-up-Stores, Co-Retail-Flächen sowie die
generelle multifunktionale Nutzung von Räumen. Das bringt Frequenz
und bremst damit den Rückgang von Handelsflächen.
Dennoch muss auch die Förderung des stationären Handels selbst im
Fokus stehen. Dazu braucht es u.a. faire Rahmenbedingungen
hinsichtlich ausländischer online Plattformen, die ungebremst den
österreichischen Markt überfluten. Schließlich sei das rasante
Wachstum asiatischer Plattformen mit ein Grund für den Rückgang von
Handelsflächen. „Wenn wir weiter lebenswerte Innenstädte haben
wollen, braucht es auch ein breites Handelsangebot mit einem guten
Branchenmix. Denn zu einer attraktiven Innenstadt gehört auch ein
stimmiges Einkaufserlebnis“, so Trefelik abschließend. (PWK102/DFS)