f.eh beleuchtet Potenzial der personalisierten Ernährung

Wien (OTS) – Individuelle Ernährungsempfehlungen sind beliebt. Der
Wunsch nach
personalisierten Antworten auf komplexe Ernährungsfragen ist auch
verständlich, schließlich reagieren Menschen und ihr Stoffwechsel
unterschiedlich auf Lebensmittel und Lebensstile.
Blutzuckermessungen, Genanalysen, Mikrobiom-Tests oder Apps
versprechen dazu maßgeschneiderte Lösungen für Gesundheit,
Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. Ihre Wirksamkeit hängt aber
maßgeblich von der Einbettung in den gesamten Ernährungs- und
Lebensstil ab: „Personalisierte Ernährung ist kein Ersatz, sondern
eine Ergänzung für bewährte Grundprinzipien einer ausgewogenen
Ernährung und ausreichend Bewegung. Gerade die steigende Prävalenz
von Zivilisationskrankheiten wie Adipositas, Typ-2-Diabetes oder Herz
-Kreislauf-Erkrankungen verdeutlicht, dass allgemeine Empfehlungen im
Alltag häufig nicht ausreichend umgesetzt werden. Personalisierte
Ansätze können Motivation und Durchhaltevermögen bei der Änderung von
Gewohnheiten steigern“, so Marlies Gruber, Geschäftsführerin des
forum. ernährung heute (f.eh).

Personalisierte Ernährung prägt seit Jahren die sozialen Medien
und Lifestyle-Magazine, meist verbunden mit Empfehlungen diverser
Services, Tests, Produkte und Apps. Zudem verdeutlicht die Forschung,
dass Menschen unterschiedlich auf Nährstoffe reagieren. So ist etwa
die Blutzuckerantwort auf identische Mahlzeiten individuell
verschieden, ebenso die Wirkung von Salz oder Vitamin-D-Supplementen.
Personalisierte Ansätze können helfen, diese Unterschiede zu
berücksichtigen und Empfehlungen gezielter zu gestalten. Eine
einheitliche Definition des Konzepts existiert bislang jedoch nicht.
Grundsätzlich werden Ernährungsempfehlungen stärker auf die
individuelle Lebensrealität, persönlichen Bedürfnisse und
Alltagssituationen zugeschnitten sowie Adjustierungen auf Basis der
regelmäßig erhobenen Daten angeboten.

Schalenmodell zeigt Individualisierungsgrade

Zur Analyse des Gesundheitszustands und als Grundlage für
mögliche Empfehlungen hat die Duale Hochschule Baden-Württemberg
Heilbronn ein Schalenmodell mit Parametern entwickelt, die für eine
personalisierte Ernährung relevant sind, und nach ihrem
Individualisierungsgrad gestaffelt. Das reicht von persönlichen Daten
(z. B. Esskultur, Alltag) und Anthropometrie (z. B. BMI) über
klinische Parameter (z.B. Blutdruck, Lipidprofil) und Metabolom (z.
B. Stoffwechselprodukte in Blut, Urin, Speichel) hin zu Epigenetik,
Genetik und Darmmikrobiom (z. B. Zusammensetzung, Diversität) als
höchstem Grad der Personalisierung. Für einen ganzheitlichen Ansatz
wäre die Integration aller Ebenen ideal.

Aktuell wird auch verstärkt auf den Einsatz digitaler
Technologien gesetzt, die große Mengen individueller Daten erfassen
und auswerten. Personalisierte Ernährung bedeutet aber nicht
automatisch Hightech. „Technologie kann unterstützen und motivieren,
doch entscheidend sind fundiertes Wissen, realistische Erwartungen
und kompetente Begleitung. Im Kern geht es darum, Empfehlungen für
den Essalltag so zu gestalten, dass sie für die einzelne Person
verständlich, umsetzbar und sinnvoll sind“, erklärt Marlies Gruber.
Dabei geht ein wesentlicher Teil des Erfolgs darauf zurück, sich
persönlich in seinen Bedürfnissen gesehen und abgeholt zu fühlen. Das
ist auch mit einer klassischen Ernährungsberatung möglich.

Grenzen der Evidenz und überzogene Erwartungen

Trotz der Potenziale ist eine differenzierte Betrachtung nötig,
wenn es um Tools geht, die personalisierte Ernährungsempfehlungen
versprechen. Viele kommerzielle Angebote erwecken den Eindruck,
Gesundheit lasse sich durch einzelne Tests oder Messwerte präzise
steuern. Die wissenschaftliche Evidenz dafür ist jedoch begrenzt. Der
Einfluss einzelner Gene auf ernährungsbedingte Erkrankungen wird
häufig überschätzt. Selbst umfangreiche genetische Analysen erklären
meist nur einen kleinen Teil individueller Unterschiede, etwa beim
Körpergewicht oder beim Abnehmerfolg.

Ähnlich verhält es sich mit Mikrobiom-Analysen. Zwar spielt die
Darmflora eine wichtige Rolle im Stoffwechsel, doch ist bislang nicht
eindeutig geklärt, wie ein „gesundes“ Mikrobiom definiert werden kann
oder welche konkreten Ernährungsempfehlungen sich daraus – abseits
einer vielfältigen Kost mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und
Getreide sowie fermentierten Produkten – ableiten lassen. Auch
Blutzuckermessungen bei gesunden Menschen liefern als Einzelparameter
nur begrenzte Aussagekraft.

„Problematisch wird es, wenn komplexe biologische Zusammenhänge
auf einzelne Werte reduziert und daraus weitreichende Empfehlungen
abgeleitet werden. Das kann zu falschen Erwartungen und unnötiger
Verunsicherung führen“, so Marlies Gruber. „Hinzu kommt, dass viele
Empfehlungen für gesunde Menschen letztlich auf bekannte Grundsätze
hinauslaufen: bewusst und bunt essen, genießen, Portionsgrößen
beachten, regelmäßig bewegen. Dafür sind aufwendige Analysen oft
nicht nötig.“