Krebs am Gebärmutterhals, Anus, Penis oder Vulva: Duales HPV-Konzept bei Krebs im Anogenitalbereich

Wien (OTS) – Basierend auf dem Nachweis von Humanen Papillom Viren
(HPV)
unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation im Anogenitalbereich
ursächlich zwei Gruppen von Karzinomen. Während HPV für 95% von
Plattenepithelkarzinomen am Gebärmutterhals und Anus verantwortlich
ist, werden nur etwa die Hälfte der Vulva- und Peniskrebs durch HPV
hervorgerufen. In unterschiedlicher Häufigkeit treten daher in allen
Organen des Anogenitaltrakts HPV-negative Karzinome auf. Zwei Drittel
der HPV-negativen Vulva- und Peniskarzinome entstehen beispielsweise
auf dem Boden von Dermatosen. Da HPV-unabhängiger Anogenitalkrebs
häufig aggressiver ist und sich schneller entwickelt, braucht es
unterschiedliche Strategien in der Behandlung speziell der
Krebsvorstufen. Darüber und über weitere Fortschritte in der
Prävention und Diagnostik von HPV-Infektionen und damit verbundenen
Krebserkrankungen dreht sich der EUROGIN-Kongress, der vom 18. bis
21. März im Austria Center Vienna stattfindet.

„Generell unterscheidet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im
Anogenitalbereich, der umfasst Gebärmutterhals, Anus, Penis und
Vulva, zwischen HPV-induziertem und HPV-unabhängigen Krebs. Während
die HPV-assoziierten Karzinome als Spätfolge einer sexuell
übertragenen HPV-Infektion gelten, sind die Ursachen für die HPV-
negativen Karzinome noch nicht gänzlich verstanden. Das Konzept der
dualen Karzinogenese, sprich der Krebsentstehung, – also HPV-
induziert und HPV-unabhängig – stellt ein übergreifendes universelles
Prinzip der Karzinomentstehung im anogenitalen Bereich dar. Die
Unterscheidung ist essenziell für die richtige Behandlung der
entsprechenden Krebsvorstufen, denn die HPV-unabhängigen
Krebserkrankungen entwickeln sich viel schneller als die HPV-
induzierten Karzinome“, betont Prof. Dr. Sigrid Regauer, Expertin und
Referenzzentrum für anogenitale Erkrankungen, WHO Autorin, Pathologin
und Dermatopathologin vom Diagnostik- und Forschungsinstitut für
Pathologie der Medizinischen Universität Graz, und Mitglied des
Scientific Committee des EUROGIN-Kongresses.

Zwtl.: HPV-Induzierter Krebs: langsame Entwicklung, Zeit für
Behandlungsvarianten

Beim HPV-induziertem Krebs liegen zwischen der Infektion, der
Entwicklung von nicht invasiven Krebsvorstufen und dem Fortschreiten
zu invasivem Karzinom oft viele Jahre bis hin zu Jahrzehnten. Dieses
langsame Fortschreiten ermöglicht es, in der Therapie der
Krebsvorstufen neben der chirurgischen Entfernung oder Lasertherapie
auch zeitintensive Therapieoptionen zu versuchen. Sehr gute Erfolge
werden durch mehrmonatige medikamentöse (off-label) Therapie mit
Imiqimod erzielt.

Zwtl.: HPV-unabhängiger Krebs: hoch-aggressiv, schnelles Handeln

„Diese Zeit haben wir bei HPV-unabhängigen,
entzündungsassoziierten Krebsvorstufen des Penis und der Vulva leider
nicht. Das sind hochaggressive, schnell vorschreitende Läsionen, die
sich in wenigen Monaten, aber in der Regel innerhalb von 3 bis 4
Jahren zu invasivem Krebs entwickeln können. Desweiteren sprechen HPV
-unabhängige Krebsvorstufen nicht auf Imiquimod an. Genau deshalb ist
es hier besonders wichtig, Dermatosen früh zu erkennen, schnell zu
behandeln, und dann zu regelmäßigen Kontrollen zu gehen. Das passiert
leider – vielfach aus großem Schamgefühl der betroffenen Menschen –
nicht immer“, betont Regauer. Sie appelliert daher an die
Betroffenen, keine falsche Scham an den Tag zu legen und an die
Gesellschaft, PatientInnen mit Anogenitalkrebs nicht zu
stigmatisieren.

Zwtl.: Art der Haut / Schleimhaut ist relevant für Anfälligkeit auf
HPV

Die unterschiedliche Häufigkeit von HPV-induzierten und HPV-
unabhängigen Krebsarten in den verschiedenen Lokalisationen kann
durch die unterschiedlichen Haut- und Schleimhauttypen im
Anogenitalraum erklärt werden. „Der Gebärmuttermund im äußeren
Bereich ist von unverhornter mehrschichtiger Schleimhaut bedeckt, der
endozervikale Kanal ist nur von einschichtigem Epithel mit
Reservezellen ausgekleidet. Die Schleimhaut des Endozervikalkanals
ist daher in Bezug auf eine HPV-Infektion nicht so robust wie die
verhornte Haut von Vulva und Penis“, betont Regauer. Daher gelten die
exponierten, ausschließlich im endozervikalen Epithel vorkommenden,
z. T. proliferierenden Reservezellen als primärer Infektionsherd und
Ausgangspunkt für die meisten Rezidive, sprich dem Wiederauftreten
des Krebses. Diese Zellen kommen an der Vulva und Vagina und auch am
Penis nicht vor.

Zwtl.: HPV nicht der einzige Auslöser von anogenitalem Krebs

Die seltenen HPV-unabhängigen invasiven Plattenepithelkarzinome
am Gebärmutterhals wurden erst in den letzten 10 Jahren dokumentiert
und erstmals 2020 in die WHO Klassifikation Tumor of the Female
Genital Tract aufgenommen. „Neben der molekularen und histologischen
Charakterisierung der invasiven Karzinome am Institut für Pathologie
der MedUniGraz gelang unserer Arbeitsgruppe 2022 und 2023 auch die
Erstpublikation der histologischen und molekularen Klassifikation der
HPV-negativen zervikalen Vorstufen, die denen der Vulva und des Penis
entspricht. Daher durfte ich diese neue Entität auch für die bald
erscheinende 2026 Ausgabe der WHO Klassifikation beschreiben“, freut
sich Regauer. Zwei Drittel der HPV-unabhängigen Penis- und
Vulvakarzinome entstehen auf dem Boden langandauernder chronisch-
entzündlicher Erkrankungen wie beispielsweise Lichen planus und
Lichen sklerosus. „Für die HPV-unabhängigen Plattenepithelkarzinome
am Gebärmutterhals und Anus konnten diese Risikofaktoren allerdings
noch nicht verifiziert werden “, erklärt die Pathologin.

Zwtl.: Dermatosen: Immunsystem als Ursache und nicht Sexualität

Vulväre und penile Dermatosen zählen im weitesten Sinn zu den
Immundysregulierungen. Sie treten sehr häufig zeitgleich mit anderen
Autoimmunerkrankungen auf, wie beispielsweise die Hashimoto-
Schilddrüsenentzündung, die Weißfleckenkrankheit Vitiligo oder
Schuppenflechte, oder bei Menschen, deren Immunsystem durch andere
Umstände geschwächt ist. „Idealerweise sollte bei der Diagnose von
Dermatosen im Intimbereich auch nach klassischen
Autoimmunerkrankungen gefragt werden“, so Regauer. „Besonders wichtig
ist, dass diese Dermatosen, die primär unangenehmen Juckreiz und
Schmerzen auslösen, rasch behandelt werden sollten, denn
leitliniengerechte Therapie der Dermatosen verringert das
Krebsrisiko. Das geht bei Frauen mit Dermatosen an der Vulva sehr gut
Mithilfe von Kortisonsalben. Bei Männern entstehen im Zuge der
lichenoiden chronischen Entzündungen oft Vorhautverengungen. Als
Therapie wird die Vorhaut entfernt, was meist als kurative Maßnahme
ausreicht“, erklärt Regauer.

Zwtl.: Interdisziplinärer Wissensaustausch für schnellere Diagnose
und Therapie

„Während wir für die HPV-induzierten Karzinome Risikofaktoren und
Präventionsmaßnahmen wie die HPV-Impfung kennen, gibt es deutlich
weniger Wissen über die HPV-negative Karzinogenese“, so Regauer. Den
chronischen lichenoiden Dermatosen als wichtiger Faktor in der
Entwicklung von HPV-negativen Karzinomen wird während diverser
Facharztausbildungen bisher kaum Aufmerksamkeit gewidmet. Es gibt
jedoch spezifische jährliche Fortbildungsinitiativen und Bestrebungen
zur interdisziplinären Zusammenarbeit auf dem Gebiet der anogenitalen
Erkrankungen. „Da es bei der Entstehung von HPV-unabhängigen Vulva
und Peniskrebs einen sehr starken Zusammenhang mit den chronischen
lichenoiden Entzündungen gibt, setze ich mich als Präsidentin des
gemeinnützigen Vereins Interdisziplinäre Interessensgemeinschaft
Vulvaerkrankungen zusammen mit meiner Vizepräsidentin, der
niedergelassenen Gynäkologin Dr. Barbara Eberz, auch dafür ein, dass
Gynäkologinnen und Gynäkologen, aber auch KollegInnen und
TherapeutInnen anderer Fachdisziplinen darüber besser informiert und
ausgebildet werden.“

Über die IAKW-AG und EUROGIN
Die IAKW-AG (Internationales Amtssitz- und Konferenzzentrum Wien,
Aktiengesellschaft) ist verantwortlich für die Erhaltung des Vienna
International Centre (VIC) und den Betrieb des Austria Center Vienna.
Das Austria Center Vienna ist mit 21 Sälen, 134 Meetingräumen sowie
rund 26.000 m2 Ausstellungsfläche Österreichs größtes Kongresszentrum
und gehört zu den Top-Playern im internationalen Kongresswesen.
EUROGIN ist einer der zwei weltweit führenden internationalen
Kongresse zu HPV-Infektionen und damit verbundenen Krebserkrankungen
mit Schwerpunkt auf Prävention und Diagnostik. Heuer findet er vom
18. bis 21. März im Austria Center Vienna statt.

https://www.acv.at/de/
https://www.eurogin.com/en/home.html
https://www.vive.co.at

Kontakt
IAKW-AG – Austria Center Vienna
Mag. (FH) Claudia Reis, MA
Pressesprecherin
Tel: +43-676-3199-523
E-Mail: [email protected]
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