Wien (OTS) – Das MAK widmet Barbara Pflaum (1912–2002), einer
Pionierin der
österreichischen Pressefotografie, ab 15. April eine Personale im MAK
Kunstblättersaal. Mit ihrem außergewöhnlichen Beobachtungssinn und
ihrem herausragenden Gespür für Form zählte Pflaum zu den
Wegweiserinnen des österreichischen Fotojournalismus der 1950er Jahre
und prägte über zwei Jahrzehnte das Bild der Wochenpresse . Mit 40
Jahren, geschieden und Mutter von drei Kindern, begann sie ein
Studium an der Akademie für angewandte Kunst (heute Universität für
angewandte Kunst Wien), entdeckte die Fotografie und widmete sich ihr
fortan mit Hingabe. Die Ausstellung im MAK zeigt mit mehr als 100
Fotografien aus den späten 1950er und frühen 1960er Jahren eine
bislang wenig bekannte Seite ihres Schaffens: aufmerksame, oft
humorvolle Beobachtungen des Wiener Alltags.
Anfang der 1950er Jahre erhielt Pflaum von ihrem damaligen Partner,
dem Reisenden, Schriftsteller und Fotografen Herbert Tichy, ihre
erste Kamera. Zunächst fotografierte sie vor allem ihre Kinder und
Freundinnen. Diese Porträts weckten die Aufmerksamkeit des
Laborbesitzers, bei dem sie ihre Filme entwickelte. Er ermutigte sie,
ihre Arbeiten einer Illustrierten zu zeigen. Zwischen 1954 und 1958
arbeitete Pflaum für die Wiener Illustrierte . Parallel lernte sie
den bekannten japanisch-amerikanischen Fotografen Yoichi Okamoto
kennen, Leiter der Bildredaktion des US-Informationsdienstes, der
junge Fotograf*innen im modernen Fotojournalismus schulte. Die
Zusammenarbeit mit Okamoto prägte Pflaums Stil entscheidend und
führte zu ersten Veröffentlichungen im Wiener Kurier .
Mit ihrer klassischen Mittelformatkamera war Pflaum, die ab Mitte der
1950er Jahre für die Wochenpresse fotografierte, bei Theater- und
Opernpremieren, Vernissagen, politischen Veranstaltungen und
gesellschaftlichen Events präsent. Sie porträtierte
Staatsoberhäupter, Parteiführer*innen und internationale Künstler*
innen, dokumentierte Parlamentsdebatten, Empfänge, Konferenzen und
kulturelle Höhepunkte. Viele ihrer Porträts prominenter
Persönlichkeiten erschienen auf der Titelseite des Wochenmagazins –
Aufnahmen, auf die sie besonders stolz war und die sie zu Lebzeiten
wiederholt in Ausstellungen zeigte.
Sie festigte ihre Position als Fotografin sowohl durch
Veröffentlichungen in der Presse als auch durch Ausstellungen im
Wiener Konzerthaus und eigene Publikationen. Neben offiziellen
Aufträgen dokumentierte sie unermüdlich das alltägliche Leben Wiens:
Menschen in Kaffeehäusern, auf Märkten, in Parks oder bei Festzügen,
Passant*innen, Straßenhändler*innen, spielende Kinder oder Menschen
im öffentlichen Raum. Besonders faszinierte sie der Wandel der Stadt
– alte Viertel im Umbau, Abriss, Neubau oder beginnende
Gentrifizierung.
Viele dieser Fotografien entstanden gleichsam en passant –
persönliche Beobachtungen, von denen einige Eingang in ihren 1961
erschienenen Bildband wie ist Wien? fanden. Der Großteil blieb jedoch
unveröffentlicht und lag jahrzehntelang im Archiv der Fotografin.
Heute eröffnen diese Aufnahmen einen ebenso lebendigen wie
humorvollen Blick auf die Stadt und ihre Bewohner*innen. Sie zeigen
Alltagsszenen, aber auch Straßenproteste, weihnachtliche Märkte oder
Stadtviertel, die kurz vor dem Abriss standen. Zugleich dokumentieren
sie eine urbane Atmosphäre, die sich im Wien der Nachkriegszeit
allmählich wandelte.
Die meisten Abzüge, die in der Ausstellung gezeigt werden, stammen
direkt aus Pflaums eigenem Archiv, das heute bei brandstaetter images
aufbewahrt wird. Es handelt sich um selbst gefertigte Abzüge, die
teilweise deutliche Gebrauchsspuren tragen – Spuren der Funktion als
Arbeitsmaterial.
Ein wesentlicher Bestandteil von Pflaums fotografischer Handschrift
hängt mit ihrer bevorzugten Kamera zusammen. Sie arbeitete mit einer
Rolleiflex, einer großen zweiäugigen Kamera für 6×6-cm-Film. Diese
Technik erforderte ein bewusstes und überlegtes Arbeiten: Nach
jeweils zwölf Aufnahmen musste der Film gewechselt werden, und das
Bild wurde im quadratischen Format komponiert. Für den Druck in der
Presse – die meist rechteckige Bildformate verlangte – mussten die
Aufnahmen später beim Vergrößern beschnitten werden. Die Rolleiflex
wurde auf Hüfthöhe gehalten, weil das Bild auf eine Mattscheibe auf
der Oberseite der Kamera projiziert wurde und nur von oben betrachtet
werden konnte.
Charakteristisch für viele von Pflaums Fotografien ist eine starke,
vielschichtige Komposition: Häufig strukturiert eine unscharfe
Vordergrundfläche das Bild, dahinter öffnet sich der räumliche
Kontext der Szene. Erst in einer dritten Ebene konzentriert sich das
eigentliche Geschehen – ein kurzer Moment, eine Begegnung, eine
Geste. Diese Bildstruktur verleiht den Fotografien Dynamik und lenkt
den Blick gezielt auf das Wesentliche.
Pflaums Beobachtungsgabe, ihre Fähigkeit, „auf der Lauer zu liegen“
und den richtigen Moment einzufangen, sind bemerkenswert, ebenso wie
die Originalität vieler ihrer Kompositionen. Ob sie sich mit gängigen
fotografischen Motiven wie Märkten oder Freizeitbeschäftigungen oder
mit aktuellen Ereignissen wie Demonstrationen befasste, Pflaum
achtete stets darauf, die Aufmerksamkeit auf die Menschen zu lenken,
eine dynamische Energie im Bild zu gewährleisten und Assoziationen zu
wecken – und so ein Gefühl der Erzählung zu erzeugen.
So entsteht ein vielschichtiges fotografisches Porträt Wiens vor mehr
als einem halben Jahrhundert. Barbara Pflaums Aufnahmen zeigen
zugleich, welche Fülle an Möglichkeiten selbst ein flüchtiger Moment
auf der Straße bereithält – vorausgesetzt, man betrachtet ihn mit
Aufmerksamkeit, Geduld und künstlerischem Gespür.
Karolina Ziębińska ist Kuratorin und Kunsthistorikerin mit
Schwerpunkt Fotografie. 2021–2025 leitete sie das Museum of Warsaw.
Zuvor war sie 2014–2020 Kuratorin am Centre Pompidou in Paris und
zehn Jahre an der Zachęta – National Gallery of Art in Warschau
tätig. 2008 Mitgründerin der Archaeology of Photography Foundation.
Sie kuratierte über 50 Ausstellungen und gab zahlreiche Publikationen
zu bedeutenden Fotograf*innen heraus.
Pressefotos stehen unter MAK.at/presse zum Download bereit.
Pressekonferenz
Dienstag, 14.4.2026, 16 Uhr
Eröffnung
Dienstag, 14.4.2026, 19 Uhr
Eintritt frei zur Ausstellungseröffnung
Ausstellungsort
MAK Kunstblättersaal
MAK, Stubenring 5, 1010 Wien
Ausstellungsdauer
15.4.–16.8.2026
Öffnungszeiten
Di 10–21 Uhr, Mi bis So 10–18 Uhr
Gastkuratorin
Karolina Ziębińska
MAK Eintritt
Ꞓ 19/18*
ermäßigt Ꞓ 15,50/14,50*
jeden Dienstag 18–21 Uhr: Eintritt Ꞓ 9,50/8,50*
Eintritt frei für Kinder und Jugendliche unter 19
* Ticketpreis im Online-Vorverkauf