Parlament im Dezember 1945: „Ein trostloses Bild der Verwüstung“ wird wieder zum Hohen Haus

Wien (PK) – „Brandgeschwärzte leere Fensterhöhlen blicken uns neben
der rechten
Rampenauffahrt entgegen. Das Hämmern der Tischler, das emsige Schaben
von Maurerkellen schallt weithin durch die hohen Gänge“, schrieb der
„Wiener Kurier“ am 18. Dezember 1945. Schwere, an die Substanz
gehende Schäden hat das Herz der Demokratie während des Zweiten
Weltkriegs erlitten. Dementsprechend sprach die Zeitung „Neues
Österreich“ wenige Tage vor der ersten Nationalratssitzung nach
Kriegsende, die am 19. Dezember 1945 stattfinden sollte, von einem
„trostlosen Bild der Verwüstung“. Unter Hochdruck wurden am Hohen
Haus die letzten notwendigen Arbeiten einer „beschleunigten
Bauaktion“ durchgeführt. Über 100 Arbeiter waren an diesen ersten
Instandsetzungsarbeiten beteiligt. Zuerst mussten in Aufräumarbeiten
tausende Kubikmeter an Schutt entfernt werden. Ziel war es, so rasch
wie möglich einen Parlamentsbetrieb in einem durch den Zweiten
Weltkrieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude möglich zu
machen.

Die Schäden waren jedoch groß. Viele Teile des Hauses waren
beschädigt, Teile davon waren gänzlich zerstört. Letztlich sollten
die gesamten Renovierungsarbeiten noch Jahre in Anspruch nehmen. Wenn
man heute durch die neu renovierten und modernen Räume des Parlaments
wandelt, kann man sich schwer vorstellen, unter welchen Bedingungen
die Arbeit im Parlament in diesen Tagen erfolgen musste. Die
Parlamentskorrespondenz unternimmt einen Rückblick auf eine
schwierige, aber von Aufbruchsstimmung gekennzeichnete Zeit am Wiener
Ring.

Spuren des Krieges: 60 % des Hauses sind beschädigt

In den letzten Kriegsmonaten verursachten mehrere Bombentreffer
im Februar 1945 große Zerstörungen am Parlamentsgebäude. Dabei wurde
insbesondere der Bereich an der Ecke Reichsratsstraße-Rathausplatz
schwer getroffen. Während der letzten Kampfhandlungen, die zur
Befreiung Wiens führten, wurde zudem durch Artillerietreffer und
anschließende Brände der ehemalige Sitzungssaal des Herrenhauses‚ in
dem in der Ersten Republik die Sitzungen des Nationalrats abgehalten
worden waren, vollständig zerstört. Große Verwüstungen entstanden
auch durch Brände an mehreren Stellen im Gebäude, wie im Kanzlei- und
Archivtrakt. Eine Bestandsaufnahme der technischen Gebäudeverwaltung
stufte im Mai 1945 60 % des Hauses als „in unterschiedlichem Ausmaß“
beschädigt ein, wie dem Buch „Inbesitznahmen“ von Bertrand Perz,
Verena Pawlowsky und Ina Markova zu entnehmen ist. 15 % der
Gebäudesubstanz – wie eben der Sitzungssaal des Herrenhauses – waren
gänzlich zerstört.

Nationalratspräsident Leopold Kunschak zeichnete am 4. April 1946
in der Debatte des Parlamentsbudgets 1946 vor den Abgeordneten „ein
wenig erfreuliches Bild“ über den Zustand des Parlamentsgebäudes und
den Aufwand zur Wiederherstellung, berichtete die
Parlamentskorrespondenz in einer ihrer ersten Ausgaben der Zweiten
Republik. Es sei selbstverständlich „Sorge des Präsidiums, die
Verhältnisse im Hause der Volksvertretung, die durch die
Kriegseinwirkungen außerordentlich gelitten haben, wenigstens
einigermaßen in Ordnung zu bringen“, betonte Kunschak. So seien die
Decken der Gänge zum Sitzungssaal schwer beschädigt, „sodass eminente
Einsturzgefahr bestehe“. Für neue Decken seien schlichtweg nicht
genügend Baumaterialien verfügbar, zeigte sich der
Nationalratspräsident wenig optimistisch. Zu den dringendsten
Arbeiten würden die „Abräumung der grossen [sic!] Schuttmassen und
die Abtragung der schwer beschädigten Bestandteile des Gebäudes“
gehören, zitiert die Parlamentskorrespondenz. Ungeachtet dessen gab
es zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Monate lang Betrieb in dem
Gebäude.

Staatskanzler Renner drängt auf Betrieb des Parlaments im
Parlamentsgebäude

Aufgrund der massiven Schäden wurden auch Ausweichquartiere für
den Parlamentsbetrieb überlegt. Staatskanzler Karl Renner drängte
jedoch auf den raschen Wiedereinzug in das Parlamentsgebäude und die
Durchführung der dafür notwendigen Instandsetzungsarbeiten in den
unterschiedlichsten Bereichen. Neben den Parlamentsbediensteten waren
über 100 Handwerker in einer „beschleunigten Bauaktion“, wie es „Das
kleine Volksblatt“ in einem Artikel am 16.Dezember 1945 nannte, im
Einsatz. Eher behelfsmäßig wurden die schwerwiegendsten Schäden, etwa
an den Dächern, soweit als möglich behoben. Ebenso waren Reparaturen
an den Heizungs- und Lichtanlagen notwendig. Auch die vielen
zerstörten Fenster mussten wieder instandgesetzt werden. Dafür wurden
im November 1945 1.500 m2 Glas für die notwendigsten Reparaturen
geliefert, ist dem Buch „Inbetriebnahmen“ zu entnehmen.

Ungenügende Abdichtungen während der monatelangen Bauzeit führten
zum Eindringen von Feuchtigkeit, was teils fatale Auswirkungen auf
die Bausubstanz hatte, berichtete die Parlamentskorrespondenz im
April 1946 weiters. So mussten in Folge mehrere Decken wegen
Baufälligkeit saniert werden.

Nicht nur der bauliche Zustand, sondern auch die Inneneinrichtung
des Parlaments war eine Herausforderung . „Generell stellte sich 1945
die Frage nach dem Verbleib so gut wie aller
Einrichtungsgegenstände“, wird im Buch „Inbesitznahmen“ angeführt.
Erhebungen nach deren Verbleib blieben weitgehend erfolglos und es
musste entsprechender Ersatz angeschafft werden.

Arbeiten bei eisigen Temperaturen im Wintermantel zwischen Schutt
und Asche

Der umfangreiche Sanierungsbedarf hatte zur Folge, dass der
Parlamentsbetrieb bei laufenden Bauarbeiten erfolgen musste. Aufgrund
ungenügender Heizmöglichkeiten bei undichten oder sogar scheibenlosen
Fenstern war es im Winter 1945/46 kein seltenes Bild, dass
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Haus in Mänteln und mit
Handschuhen arbeiteten.

Ebenso mussten angesichts der Materialknappheit in allen
Bereichen und des Ausmaßes der Schäden bei der Renovierung
Schwerpunkte gesetzt werden. Dies hatte zur Folge, dass bestimmte
Bereiche länger auf Instandsetzungen warten mussten. So beklagte die
Bibliothekarin Hilda Rothe in einem Brief die „stiefmütterliche
Behandlung“ der Parlamentsbibliothek. Trotz Herbstkälte wurden weder
die dortigen Fenster repariert, noch war für eine Heizung oder
ausreichende Beleuchtung gesorgt. Folglich musste die
Bibliotheksmitarbeiterin bei Temperaturen um den Gefrierpunkt bei
offenen Fenstern arbeiten. Der Mangel zeigte sich allerorts. So
fanden Altpapierbestände aus der NS-Zeit offenbar Verwendung als
Toilettenpapier, wird im Buch „Inbesitznahmen“ dargestellt.

Auch eine ärztliche Versorgung musste sichergestellt werden. So
wurde infolge der „außerordentlich schwierigen Verhältnisse des
Jahres 1945“ ein ärztlicher Bereitschaftsdienst an Sitzungstagen mit
Amtsärzten der Bundespolizeidirektion Wien eingerichtet, ist dem Buch
„Inbesitznahmen“ zu entnehmen. Ob mit den „schwierigen Verhältnissen“
der schlechte bauliche Zustand des Parlamentsgebäudes und das
Arbeiten auf einer teils ungesicherten Baustelle gemeint war, kann
dem Buch zufolge nur spekuliert werden.

Die großflächigen Schäden und der daraus entstandene Platzmangel
hatten auch zur Folge, dass nicht alle Nutzungen im Gebäude wieder
aufgenommen werden konnten. So waren etwa nicht genügend Flächen für
den Verfassungsgerichtshof verfügbar. Dieser war in der Ersten
Republik von 1923 bis zu seiner Lahmlegung 1934 im Parlament
untergebracht. Angesichts der guten Infrastruktur, wie der Nähe zur
Parlamentsbibliothek und zum Justizpalast, strebte der
Verfassungsgerichtshof 1945 wieder seinen Sitz im Parlament an.

Adaptierungen für die erste Nationalrats- und Bundesratssitzung

Der heutige Bundesversammlungssaal blieb von Kriegsschäden
weitgehend verschont und sollte daher für die konstituierende Sitzung
des Nationalrats am 19. Dezember 1945 genutzt werden. Dafür waren
auch hier Adaptierungsarbeiten notwendig, berichtete die Zeitung
„Neues Österreich“ am 16. Dezember 1945. Die früheren Aufbauten für
das Präsidium waren zu einem Aufstellpodium für Fahnenträger umgebaut
worden. Daher musste ein neues Podium errichtet werden.

Für die Sitzungen des Bundesrats wurde der ehemalige Budgetsaal
vorgesehen. Der ursprüngliche Saal des Bundesrats war schwer
beschädigt. Insbesondere die Wiederherstellung des dortigen Glasdachs
stellte eine große Herausforderung dar.

Aus NS-Gauhaus wird wieder Parlament

Aber nicht nur der bauliche Zustand des Gebäudes forderte Einsatz
in diesen Tagen. „Es sind nicht lauter freundliche Erinnerungen, die
gespenstergleich in diesem Raum noch für manchen Österreicher spuken
mögen“, schrieb der Wiener Kurier am 18. Dezember 1945. Während der
NS-Zeit hatte das Parlamentsgebäude als Gauhaus gedient. In dieser
Zeit wurden Veränderungen vorgenommen, wie Tapezierungen der Wände
und das Einziehen von Zwischendecken. So schrieb die „Wiener Zeitung“
am 16. Dezember 1945: „Die in edelsten Stukkolustro spiegelnden Wände
im Salon des früheren Nationalratspräsidenten ließ Schirach (Anm. NS-
Gauleiter und Reichsstatthalter) mit einer modernen Tapete
überkleben. […] Die Staatsgebäudeverwaltung ist nun bemüht, den
früheren Zustand nach Möglichkeit wieder herzustellen.“ Auch die
Zeitung „Neues Österreich“ berichtete am 16. Dezember 1945 über die
Beseitigung von „Verunstaltungen aus der nationalsozialistischen
Herrschaftszeit“.

„Das griechische Haus am Ring, von den Usurpatoren zum ‚Gauhaus‘
herabgewürdigt ist wieder Haus der Gesetzgebung, von den feierlichen,
durch die Kriegsereignisse leider beschädigten Räumen geht an diesem
Tag ein Glanz aus, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart verbinden,
und Hoffnung auf eine bessere und friedliche Zukunft setzte sich fest
um den weißen Marmor und das klassische Säulenwerk des Baues“,
berichtete der Wiener Kurier am 18. Dezember 1945 und zeigt damit die
trotz aller Schwierigkeiten vorhandene Aufbruchsstimmung dieser Tage.

Auf provisorische Instandsetzungen folgen jahrelange
Renovierungsarbeiten

Mit diesen ersten Adaptierungsarbeiten wurde zwar der
Parlamentsbetrieb ermöglicht, viele Schäden waren aber dadurch alles
andere als beseitigt. Die größeren Wiederaufbauarbeiten an den
Stellen der schweren Bomben- und Brandschäden sollten erst im
Frühjahr 1946 in Angriff genommen werden. Es wurde zu dieser Zeit
eine drei- bis vierjährige Bauzeit kalkuliert. Die gänzliche
Instandsetzung des Parlamentsgebäudes sollte in Folge aber weit
länger dauern. Abhängig war dies nicht nur von den vorhandenen
Budgetmitteln, sondern insbesondere auch von der Verfügbarkeit von
Arbeitskräften, Baustoffen und Transportmitteln. Erst 1946 wurde
festgelegt, in welcher Reihenfolge die Arbeiten erfolgen sollten. Den
Schlusspunkt der Instandsetzungen markierte schließlich die Eröffnung
des völlig neu gestalteten und in weiten Teilen neu gebauten
Nationalratssaals im Jahr 1956. (Schluss) pst

HINWEIS: Das Parlament beleuchtet 2025 drei Meilensteine der
Demokratiegeschichte. Vor 80 Jahren endete der Zweite Weltkrieg, vor
70 Jahren wurde der Staatsvertrag unterzeichnet und vor 30 Jahren
trat Österreich der EU bei. Mehr Informationen zum Jahresschwerpunkt
2025 finden Sie unter www.parlament.gv.at/kriegsende-staatsvertrag-eu
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