Wien (OTS) – „Vorurteile gegenüber Menschen im Autismus-Spektrum
halten sich
hartnäckig. Sie führen zu groben Mängeln bei der Diagnostik und
schränken Chancen und Lebensqualität von Autist:innen massiv ein.
Diagnosestellen sind überlaufen, man wartet Monate lang auf einen
Termin. Auf einen Therapieplatz müssen Kinder bis zu zwei Jahre
warten. Auch Wartezeiten auf Kindergarten- oder Wohnplatz betragen
viele Monate bis Jahre. Die Engpässe setzen sich in der Schule und am
Arbeitsmarkt fort. Das muss ein Weckruf sein“, mahnt Diakonie-
Direktorin anlässlich des Welt-Autismus-Tags und fordert eine
nationale Autismus-Strategie nach internationalem Vorbild.
Zwtl.: Gravierende Probleme bei Begutachtungsverfahren
Felix Zych vom Verein „im spektrum – Verein zur Sensibilisierung
für das Autismus-Spektrum“ berichtet beim Pressegespräch der Diakonie
am Welt-Autismus-Tag von seinen Erfahrungen mit Behörden und
Diagnosen: „Mir wurde die erhöhte Familienbeihilfe immer genehmigt
bis vor ein bis zwei Jahren. Dann hieß es plötzlich, ich bräuchte
Nachweise, dass ich aktuell in Therapie bin, oder einen aktuellen
fachärztlichen Befund, dass ich noch immer autistisch sei. Das ist
schon sehr befremdlich, wo doch jeder weiß, dass Autismus nicht
weggeht“, so Zych, der seine Autismusdiagnose mit elf Jahren bekam
und heute Student ist.
Sein Beispiel fügt sich in das Bild, das eine aktuelle Studie der
Arbeiterkammer OÖ von behördlichen Begutachtungsverfahren, die Basis
für die Zuerkennung von Sozialleistungen sind, zeichnet. Die Studie
zeigt fachliche Inkompetenzen, respektlosen Umgang und
Unterstellungen auf. Zahlreiche Betroffene meldeten sich im Anschluss
zu Wort und schildern ihre Erfahrungen mit Demütigung und
Diskriminierung.
Die Diakonie bekräftigt die Forderung nach einer unabhängigen
Begutachtungsstelle. Gutachter:innen müssten zudem umgehend geschult
werden, so die Diakonie-Direktorin, „sowohl zu aktuellem Fachwissen
insbesondere zu Autismus, als auch zu einer respektvollen,
zugewandten Kommunikation“.
Zwtl.: Autismus verstehen
Um Prüfungen ablegen zu können, sei für ihn in seiner Schulzeit
wichtig gewesen, „in einem eigenen Raum, abgeschirmt von den Reizen
anderer Mitschüler (zB. Kugelschreiberklicken)“ schreiben zu können,
berichtet Felix Zych. Jetzt, an der Uni, sei „der normale Lehrbetrieb
eine Herausforderung, da ich mit großen Hörsälen und Menschengruppen
ein Problem habe (Reize, Stress, Überforderung, Erschöpfung). Das
heißt, für mich ist es enorm hilfreich, wenn Lehrveranstaltungen
gestreamt und im besten Fall auch aufgezeichnet werden, sodass ich
diesen Reizen und dem damit verbundenen Stress entkommen kann.“
Leider stoße er immer wieder auf Unverständnis bei Lehrenden, so
Zych.
Auch Linda Zehetner braucht ausreichend Ruhe – und Struktur. Die
Frau im Autismus-Spektrum, die nicht verbal kommuniziert, arbeitet in
der Tageswerkstätte Erle der Diakonie in Gallneukirchen. „Linda ist
sehr gern aktiv und versieht gerne auch körperlich anstrengende
Tätigkeiten am Areal unserer Einrichtung Erle, wie zB das Füttern der
Tiere im Streichelzoo“, berichtet ihr Betreuer Roland Atzlesberger.
Wichtig für Linda Zehetner sei, dass Spannung und Entspannung in
einem guten Gleichgewicht sind, darauf achte er als Betreuer.
Roland Atzlesberger und Felix Zych sind sich einig: „Der bekannte
Spruch stimmt: Wenn du einen Autisten kennst, dann kennst du EINEN
Autisten.“
Autismus hat sehr unterschiedliche Ausprägungen, man spricht vom
Autismus-Spektrum. Rund ein Prozent der Menschen sind im Autismus-
Spektrum, in Österreich rund 87.000 Kinder, Jugendliche und
Erwachsene. Im Umgang mit ihnen gebe es laufend falsche
Zuschreibungen und wenig Wissen, berichtet Felix Zych, der mit dem
Verein „im spektrum“ bei verschiedenen Veranstaltungen, wie heute
Abend bei einem „ask me anything“ über Autismus informiert.
Zwtl.: Diakonie ortet mangelhafte Unterstützung
Das mangelnde Verständnis führe „zu mangelnder Unterstützung –
Stichwort Therapielücken – und struktureller Ausgrenzung im
Bildungsbereich und am Arbeitsmarkt“, kritisiert die Diakonie-
Direktorin.
„Autistische Kinder bekommen oft erst im letzten verpflichtenden
Kindergartenjahr einen Kindergartenplatz oder werden sogar von dieser
Pflicht „befreit“ und kommen erstmals in der Volksschule mit einer
Bildungseinrichtung in Berührung. Dort gibt es dann zu wenig
Schulassistenz, die Vergabepraxis von Fördermittel ist von Bundesland
zu Bundesland unterschiedlich. Und immer noch endet das Recht auf
Bildung mit der Schulpflicht, der Rechtsanspruch auf ein 11. und 12.
Schuljahr für Schüler:innen mit Sonderpädagogischem Förderbedarf muss
endlich kommen.“
Zwtl.: Forderung nach einer nationalen Autismus-Strategie
Um sich nicht in unkoordinierten Einzelmaßnahmen und im
föderalistischen Ping-Pong zwischen Bund und Ländern zu verlieren,
braucht es eine „nationale Strategie für ein autismus-gerechtes
Zusammenleben“, fordert Moser. Ziel müsse sein, „dass autistische
Menschen in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben können –
sozial, wirtschaftlich, gesundheitlich“. Die nationale Strategie
müsse „sicherstellen, dass Wissen über Autismus und eine respektvolle
Haltung in Bevölkerung, Institutionen und sozialstaatlichen Systemen
ankommt, und einen Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen, die mit einem
Zeitrahmen und Zuständigkeiten hinterlegt sind, beinhalten“, so
Moser. Vorbilder gebe es genug. In vielen Ländern gibt es eine
Autismus-Strategie: England, Irland, Frankreich, Spanien, Malta,
Polen, Kanada, USA, Australien.
Moser weiter: „Ein nationale Strategie muss den vielfältigen
Lebensrealitäten und Bedürfnissen von Autist:innen gerecht werden. Es
geht darum, Linda Zehetner, Felix Zych und andere zu fragen: Was
brauchst du, damit du das Leben leben kannst, das du leben willst?“
Zwtl.: Angebote der Diakonie
Die Person und ihre individuellen Bedürfnisse stellt die Diakonie
bei ihren Angeboten für Menschen im Autismus-Spektrum – vom
Kindergarten über Schule, Wohnen und Arbeit/integrative Beschäftigung
bis hin zu Beratung, Frühförderung und Therapie – ins Zentrum. Ziel
ist eine hohe Lebensqualität und ein weitgehend selbstbestimmtes
Leben – und das verlangt ganz Unterschiedliches, weil Autismus eben
ein breites Spektrum ist. Wie unterschiedlich Unterstützung aussehen
muss, zeigt sich in den konkreten Angeboten: Im Hof Altenberg der
Diakonie im oberösterreichischen Mühlviertel wohnen Menschen im
Autismus-Spektrum abseits dichter Bebauung und fern vom Verkehrslärm.
Die naturnahe Umgebung schafft Raum für Rückzug und
Bewegungsbedürfnis. Den Alltag strukturieren klare Abläufe, die
Betreuung ist intensiv.
Für Autist:innen, die punktuell Begleitung brauchen, bietet die
Diakonie so genanntes Stützpunktwohnen: eine eigene Mietwohnung und
gleich nebenan eine gemeinschaftliche Wohnung, wo täglich für einige
Stunden jemand aus dem Fachteam anzutreffen ist. Diese Wohnform
stellt eine Verbindung dar zwischen Eigenständigkeit und
Unterstützung, Rückzugsmöglichkeit und Gemeinschaft.
Genau beschrieben finden Sie das hier: Als Autist selbstständig
leben – und sich auf verlässliche Begleitung verlassen können und
hier: Leben im Autismus-Spektrum: Wie Menschen am Hof Altenberg ihren
Alltag verbringen .
Wie Frühförderung für Kinder im Autismus-Spektrum in der Praxis
funktioniert, zeigt das Beispiel eines Kindergartens in
Oberösterreich ( Kindergarten Mühle unter Top 3 beim ISB
Stiftungspreis Bildungsinnovation – Diakoni e) , und des Kindergarten
„für dich und mich“ des Diakonie Zentrum Spattstraße in Linz.