Gewerbe und Handwerk: Betriebe brauchen Entlastung, Energie-Resilienz und Rückenwind für die Lehre

Wien (OTS) – Die Erholung wurde in der Straße von Hormus versenkt.
Nach dem ersten
Quartal 2026 hatte sich, ausgehend von Aufträgen in der
Bauwirtschaft, eine zarte konjunkturelle Erholung für das Gewerbe und
Handwerk abgezeichnet. Der Konflikt im Nahen Osten, stark gestiegene
Energiepreise und die Rückkehr der hohen Inflation machten diese
Erwartungen zunichte. „Die aktuellen Konjunkturdaten bestätigen
leider, was viele unserer Betriebe im Alltag spüren. Wir kommen nicht
vom Fleck“, sagte Manfred Denk , Obmann der Bundessparte Gewerbe und
Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), am Mittwoch beim
vierteljährlichen Pressegespräch.

Die Konjunkturbeobachtung der KMU Forschung Austria zeigt: Im
ersten Quartal 2026 sind die Auftragseingänge bzw. Umsätze nominell
um 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal zurückgegangen. Real (
mengenmäßig) ergibt sich ein Minus von 4,6 Prozent. Knapp ein Viertel
der Betriebe meldete Steigerungen, ein Drittel Rückgänge; 43 Prozent
lagen auf Vorjahresniveau. „Die Lage ist heterogen, insgesamt aber
ohne erkennbare Dynamik. Besonders in den konsumnahen Branchen spüren
wir die Kaufkraftzurückhaltung der Haushalte, während im Baubereich
nach wie vor die notwendige Investitionsdynamik fehlt“, analysierte
Christina Enichlmair von der KMU Forschung Austria.

Geschäftslage im negativen Bereich

Im zweiten Quartal bleibt das Stimmungsbarometer per Saldo
negativ. 22 Prozent der Betriebe beurteilen ihre Geschäftslage als
gut, 30 Prozent als schlecht; knapp die Hälfte meldet eine
saisonübliche Lage. Der Saldo ist mit -8%-Punkten zwar weiterhin
negativ, es ist jedoch ein leichter Aufwärtstrend erkennbar (Saldo
Vorquartal -12%-Punkte).

Bei den investitionsgüternahen Branchen verzeichneten im zweiten
Quartal 2026 die Hafner, Platten-, Fliesenleger und Keramiker ein
Plus im Auftragsbestand von 10,1 Prozent – allerdings ausgehend von
starken Rückgängen (-16 Prozent) im Vorjahr. Das Baugewerbe (+8
Prozent), die Chemischen Gewerbe, Denkmal-, Fassaden- und
Gebäudereiniger (+4,7 Prozent) sowie Metalltechniker (+4,2 Prozent)
lagen ebenfalls im positiven Bereich. Hingegen gingen die Aufträge
bei Kunststoffverarbeitern (-15,3 Prozent), im Bauhilfsgewerbe (-14,9
Prozent) und beim Holzbau (-11,5 Prozent) deutlich zurück.

Keine einzige konsumnahe Branche verzeichnete im zweiten Quartal
hinsichtlich ihrer Umsatzentwicklung einen positiven Saldo. Die
Fahrzeugtechnik (-1 Prozentpunkt), Friseure (-6 Prozentpunkte) und
Mechatroniker (-20) konnten sich gegenüber dem Vergleichsquartal im
Vorjahr zumindest verbessern. Bei Fußpflegern, Kosmetikern und
Masseuren (-19), Personaldienstleistern und Sicherheitsgewerbe (-17)
oder im Kunsthandwerk (-10 Prozentpunkte) ging es erneut bergab.

Auch der Ausblick ist gedämpft

Alarmierend ist, dass auch die Erwartungen fürs kommende 3.
Quartal (Auftragseingänge/Umsätze) mit einem Saldo von -11
Prozentpunkten gedrückt bleiben. Dabei blicken die
investitionsgüternahen Branchen mit -15 Prozentpunkten noch
skeptischer in die Zukunft als die konsumnahen (-5 Prozentpunkte).

„Wir können uns nicht darauf verlassen und abwarten, dass die
Krisen von selbst verschwinden. Österreich und Europa müssen sich
ihrer Stärken besinnen, statt sich ständig selbst zu fesseln“,
appelliert Denk zu Eigeninitiative in drei Bereichen. Erstens,
stärkere Unabhängigkeit von Energieimporten und damit bessere
Resilienz bei Krisen: Dafür sollten alle vorhandenen Potenziale
ausgeschöpft werden; vom Ausbau der Erneuerbaren Energie und
Energieinfrastruktur über grünen Wasserstoff, Nutzung von Geothermie
bis hin Förderung heimischer Gasvorkommen als Brückentechnologie.
Viele Unternehmen im Gewerbe und Handwerk könnten davon als „Motoren
und praktische Umsetzer der Klima- und Energiewende“ profitieren.

Zweitens: Entlastung für die Betriebe. Beim Bürokratie-Abbau
seien der Bundesregierung einige schöne Erfolge gelungen. Diese
drohen jedoch an anderen Stellen zunichte gemacht zu werden –
beispielsweise durch die überkomplizierte Mehrwertsteuersenkung für
Grundnahrungsmittel oder das Bürokratie-Ungetüm zur EU-
Lohntransparenz-Richtlinie, das dem Sozialministeriums vorschwebt.

„Auf zwei Schritte vorwärts folgen eineinhalb zurück. Diese
Selbstfesselung muss ein Ende haben, wenn wir weiterkommen wollen“,
mahnt Denk. Er wünscht sich eine rasche Umsetzung des One-Stop-Shops
für Bau- und Genehmigungsverfahren, um das leidige „Behörden-
Pingpong“ zu beenden und sieht dafür aus Niederösterreich positive
Signale: „Jetzt ist die Reformpartnerschaft gefragt, rasch Resultate
zu liefern.“

Als „Stimmungsaufheller“ sieht Denk die Senkung der
Lohnnebenkosten ab 2028. Damit sei der Wirtschaftskammer ein großer
interessenpolitischer Erfolg geglückt. Die Betriebe im Gewerbe und
Handwerk, der größten Arbeitgebersparte, würden am stärksten
profitieren: Sie werden um fast 400 Mio. Euro pro Jahr entlastet:
„Das ist mehr als ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Davon darf man
sich schon einen Schub für Investitionen, Beschäftigung und Wachstum
erwarten.“

Einstimmiger Beschluss zur Stärkung der Lehre

Mit Blick auf die Zukunft fordert Denk auch ein klares Bekenntnis
zur betrieblichen Ausbildung. Auf die Aussagen von AK-Präsidentin
Renate Anderl reagiert er mit Unverständnis: „Gerade an jenem Tag, an
dem die staatliche Unterstützung für Ausbildungsbetriebe um ein
Viertel gekürzt wird, ist die Rede von ‚großzügigen
Lehrlingsförderungen‘ aus unserer Sicht schwer nachvollziehbar.“ Denk
verweist auf die Faktenlage: Die Lehrlingseinkommen, die die Betriebe
bezahlen, sind seit 2023 je nach Lehrberuf um 19 bis 35 Prozent
gestiegen – und damit deutlich stärker als die Inflation. Die
staatliche Unterstützung ist im selben Zeitraum unverändert
geblieben, weil sie gedeckelt ist und nicht inflationsangepasst
wurde.

„Wer sorgt also dafür, dass die Lehre für junge Menschen
attraktiv bleibt und wer versucht, sich aus der Verantwortung zu
stehlen?“, so Denk. „Unsere Hand ist ausgestreckt, aber wir wollen
ein klares Bekenntnis zur Lehre. Unsere Betriebe investieren 2,5 bis
3 Milliarden Euro pro Jahr, um jungen Menschen eine solide Ausbildung
und sichere berufliche Zukunft zu bieten. Das verdient Respekt,
Wertschätzung und Unterstützung. Das permanente Schlechtreden muss
endlich ein Ende haben.“ Zumal die Lehrlinge den
Ausbildungsbedingungen in ihren Lehrbetrieben (laut der eigenen
Umfrage von AK und ÖGB) die starke Durchschnittsnote 2,2 geben – „ein
gutes Gut!“

Denk verweist auf den Antrag „Lehre stärken – Fachkräfte sichern,
Ausbildung modernisieren“, den er jüngst im Wirtschaftsparlament der
WKÖ eingebracht hat. „Dieser Antrag wurde von allen politischen
Fraktionen einstimmig angenommen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass
Österreich jene Fachkräfte erhält, die wir so dringend brauchen. Denn
wer heute bei der Lehre spart, zahlt morgen doppelt und dreifach
drauf“, so Denk abschließend. (PWK334/HSP)

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