Wien (OTS) – Es ist nicht allzu lange her, dass ich VALIE EXPORT
gemeinsam mit
Marina Abramović getroffen habe. Wenngleich sich die beiden nicht
allzu oft in ihrem Leben begegnet sind, waren dies immer
entscheidende Momente. Valie hat mir dort versichert, zu einer
unserer nächsten „Kurien“-Zusammenkünfte zu kommen, um sozusagen den
Blick über Wien aus dem 18. Stockwerk des von Jean Nouvel errichteten
Gebäudes, geschützt unter der Decke von Pipilotti Rist, gemeinsam zu
riskieren. Und das wäre ja vielleicht nicht ihr größtes Risiko
gewesen.
So ganz genau weiß ich es nicht mehr, umso mehr da sich die
Ereignisse, vor allem dann, wenn sie die Öffentlichkeit erreichen,
zwar nicht verwischen, aber sich sozusagen überlagern und es im
Nachhinein nicht immer präzise feststellbar ist, ob man selbst oder
über das eine oder andere Medium dabei war. Jedenfalls ist mir Valie
sowie ihr Langzeitpartner Peter Weibel seit ihren frühesten
künstlerischen Arbeiten persönlich vertraut: sie als die feine
österreichische Zigarettenmarke „Smart EXPORT“ rauchende und als
besonders risikofreudige, kompromisslose und ambitionierte
Kunstschaffende.
1967 hat sie ihren bürgerlichen Namen abgelegt, sich selbst
umbenannt, VALIE EXPORT — geschrieben in Versalien — und damit nicht
nur einen Künstlernamen, sondern eine künstlerische Existenzform
geschaffen. Einen Akt der Selbstermächtigung, lange bevor dieses Wort
zu einem kulturellen Gemeinplatz wurde. Wie wir heute wissen,
befindet sich sogar dieses kleine Kunstwerk, der Auslöser ihres
Künstlernamens, die originale Zigarettenschachtel VALIE EXPORT in der
Sammlung des Museum of Modern Art in New York.
Ganz ehrlich: Obwohl ich Valie viel, möglicherweise alles
zutraute, habe ich damals mit ihrem internationalen Durchbruch nicht
gerechnet. Sie konnte überzeugen, bedrohlich, verführerisch wirken,
provozieren, war mutig, wie damals wenige Frauen dies öffentlich
kundtaten, aber gleichzeitig unterhaltsam, liebenswert und charmant.
Sie konnte rücksichtslos sein, auch gegenüber sich selbst.
Mit Arbeiten wie „Tapp- und Tastkino“, den frühen Expanded-Cinema
-Aktionen oder später „Unsichtbare Gegner“ hat sie nicht bloß die
Grenzen zwischen Körper, Bild, Öffentlichkeit und Wahrnehmung
verschoben, sondern die Bedingungen von Wahrnehmung selbst zur
Disposition gestellt. Nicht als theoretisches Programm, sondern als
unmittelbare Konfrontation. Sie hat den weiblichen Körper aus seiner
historischen Rolle der Repräsentation befreit und ihn als autonomes
Medium künstlerischer und gesellschaftlicher Artikulation behauptet.
Damit wurde sie weit über dieses Land hinaus zu einer jener Stimmen,
die Kunst nicht illustrieren, sondern Realität verändern.
Sie ist in die Kunst hineingetaucht, hat Kunst gelebt, hat Kunst
entwickelt und Kunst erobert.
Sie war keine Konzeptionistin, nein, das war sie nicht. Sie war
in vieler Hinsicht eine Pionierin, eine „Perceptionistin“, die
wusste, was sie wollte, sich aber selbst von dem, was sie erzeugte,
herstellte, auslöste, überraschen ließ. Das mag vielleicht auch der
feine Unterschied sein, wenn heute Performance oft der Ausdruck eines
stringenten Konzepts darstellt. Bei Valie war stets auch Gefahr
dabei, Unsicherheit, Risiko — und genau darin ihre Präzision.
So wie das Leben spielt, sind wir uns nach einem langen
Lebensabschnitt in der Kurie für Kunst in der Hofburg und über den
Dächern von Wien begegnet — sie seit 2005 Mitglied der Kurie für
Kunst, ich seit 1997 — sie als eine der international wirksamsten
Künstlerinnen dieses Landes, ich als jemand, der ihren Weg über
Jahrzehnte mit Aufmerksamkeit, manchmal Staunen und Respekt verfolgt
hat.
Und so obliegt es nun mir, mich im Namen der Mitglieder der
art_curia einen Moment des Gedenkens und der Erinnerung an eine
herausragende Künstlerin, Kollegin und außergewöhnliche
Persönlichkeit zu widmen. An eine Frau, die sich niemals angepasst
hat, die nie dekorativ sein wollte, sondern notwendig. Die den Blick
verändert hat — auf Kunst, auf Körper, auf Öffentlichkeit und
letztlich auch auf Österreich selbst.
Mit VALIE EXPORT verliert die Kunst nicht nur eine ihrer
radikalsten Stimmen, sondern auch eine jener seltenen
Persönlichkeiten, die ihre Zeit nicht illustrieren, sondern ihr
vorausgehen. Vielleicht bleibt genau das von ihr: nicht nur Werk,
nicht nur Geschichte, sondern eine Haltung. Und die Ahnung, dass
Kunst tatsächlich etwas riskieren muss, um Kunst zu sein.
Peter Noever, Chair art_curia / Kurie Kunst