Fashion

ORF-Pressegespräch zu „Universum History: Genosse Tito – Partisan, Volksheld, Diktator“

Wien (OTS) – Josip Broz „Tito“ war vieles in einem. Er gilt als
jener, der den
sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien jahrzehntelang
zusammengehalten hat. Sein Traum vom vereinten Jugoslawien sollte
jedoch nur von kurzer Dauer sein. Im Zweiten Weltkrieg führt Tito die
antifaschistische Partisanenbewegung an, die vor allem gegen Hitlers
Truppen kämpft. Durch den militärischen Erfolg wächst sein Ansehen in
der Bevölkerung. Viele Menschen projizieren ihre Hoffnungen auf Tito,
der 1945 Staatschef der Volksrepublik Jugoslawien wird.
Jahrzehntelang lenkt er die Geschicke des Staates und genießt
internationales Ansehen in Politik und Kultur, während er
Oppositionelle im eigenen Land unterdrückt und wegsperren lässt.

Die neue „Universum History“ Dokumentation „Genosse Tito –
Partisan, Volksheld, Diktator“ von Sasha Djurkovic und Caroline
Schaper – szenische Regie: Danielle Proskar – zeichnet nach, wie aus
dem gelernten Schlosser ein autokratischer Präsident wurde, dessen
Popularität in der Bevölkerung beinahe unantastbar schien. Prominente
Zeitzeuginnen geben Einblick, wie man sich in den Nachfolgestaaten
Jugoslawiens bis heute an Tito erinnert. Die Koproduktion von
LOOKSfilm, ORF und rbb/Arte dokumentiert Leben und Wirken von Tito
und fragt, warum Tito für viele Menschen im ehemaligen Jugoslawien
bis heute fast gottgleich ist. Neben einer 90-minütigen Version im
linearen TV am Freitag, dem 25. September 2026, um 22.35 Uhr in ORF 2
zeigt ORF ON ab 24. September eine sechsteilige Doku-Serie zu je 30
Minuten.

Als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen kommen ausschließlich Menschen
zu Wort, deren Familiengeschichte im ehemaligen Jugoslawien verankert
ist – u. a. die Performance-Künstlerin Marina Abramović, die als
Studentin Ende der 1960er Proteste an der Universität in Belgrad
organisiert hat, oder die Journalistin Olivera Stajić, die „die
klassische Gastarbeitergeschichte“ anhand der ihrer Eltern erzählt.
Dazu kommen zahlreiche Historiker:innen, deren Analysen ein Bild der
ebenso schillernden wie umstrittenen historischen Figur Tito
zeichnen.

Einblicke in das Dokuprojekt gaben heute, Mittwoch, 16.
September, im RadioCafe im ORF RadioKulturhaus Gerald Heidegger,
Ressortleiter Zeitgeschichte/Zeitgeschehen für die Hauptabteilung ORF
Wissen, und „Universum History“-Sendungsverantwortliche Caroline
Haidacher im Rahmen eines Pressegesprächs mit den Regisseurinnen
Sasha Djurkovic und Danielle Proskar sowie den Produzentinnen Birgit
Rasch und Petra Gruber.

Caroline Haidacher, Sendungsverantwortliche „Universum History“:
„Tito ist gleichsam schillernd und widersprüchlich. Aus der
Vergangenheit wirkt er in die Gegenwart wie kaum ein anderer – aus
einem Land und einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Seiner Person so
nahe wie möglich zu kommen und dabei die Dynamiken verständlich
machen, die der Nährboden für eine derartige Legendenbildung sind,
ist der Anspruch dieser ‚Universum History‘-Dokumentation.“

Birgit Rasch, Produzentin LOOKSfilm, und Petra Gruber,
Produzentin LOOKSVienna: „Die gesellschaftspolitischen Entwicklungen
des vergangenen Jahrzehnts zeigen eine zunehmende Fragmentierung und
eine Rückbesinnung auf illiberale, autoritäre und nationalistische
Ideen – ob in Russland, den USA, China, Saudi-Arabien oder der
Türkei. Angesichts dieser Entwicklungen lohnt sich der Blick in die
nicht allzu ferne Vergangenheit: auf ein einzigartiges politisches
Experiment unter der Führung eines außergewöhnlichen und zugleich
widersprüchlichen Menschen – Josip Broz Tito, dem ‚Lieblingsdiktator
des Westens‘. Tito gelang es, nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues
föderales Jugoslawien zu formen und über Jahrzehnte vergleichsweise
stabil zusammenzuhalten. Wie konnte ihm das gelingen? Dieser Frage
geht unser Film ‚Genosse Tito. Partisan, Volksheld, Diktator‘ nach.“

Sasha Djurkovic, Regisseurin: „Mir war wichtig, dass die
Herzlichkeit der Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien im Film
spürbar wird. Die Interviews sollten persönlich wirken und, wo immer
möglich, auch emotional berühren. Die Serie ist reich an Fakten und
historischen Ereignissen. Doch in der Montage war es ebenso wichtig,
diese emotionalen Momente zu bewahren und ihnen Raum zu geben.“

Danielle Proskar, Regisseurin Spielszenen, über die
Herausforderungen bei der Umsetzung der Reenactments: „Tito ist den
ganzen Film hindurch im Archivmaterial präsent. Die Herausforderung
der Spielszenen lag also genau darin – nämlich ihn glaubwürdig
darzustellen, ohne dabei in die Peinlichkeit zu kippen. Dabei hatten
wir mit der Besetzung großes Glück.“

Gerald Heidegger, Ressortleiter Zeitgeschichte/Zeitgeschehen für
die Hauptabteilung ORF Wissen: „Wenn Tito als ‚Lieblingsdiktator des
Westens‘ gesehen wurde und seine Figur heute in exil-jugoslawischen
Communities gerne verklärt wird, dann lohnt ein genauerer Blick auf
den Aufstieg dieser charismatischen Führungsfigur, der es zweifellos
gelungen ist, die verschiedenen ethnischen Gruppierungen zu einem
Vielvölkerstaat zu formen und für diesen auch Leitbilder, Identität
und gemeinsame Mythen zu formulieren. Doch das System Tito hatte
seinen Preis – und diesen benennt diese Dokumentation nicht zuletzt.
Sie erinnert an die unterschiedlichen Sichtweisen auf Tito nach Tito
– und erinnert, dass es keinen Schwarz-Weiß-Blick auf Figuren wie ihn
gibt. Dennoch: Ein Jugoslawien, wie es Tito geschaffen hat, wird und
kann es nicht mehr geben. Die Frage für die Gegenwart aber bleibt, ob
die Nachfolgestaaten unter einem europäischen Dach perspektivisch
wieder mehr Gemeinsamkeiten entdecken können – oder ob sie die
Grenzen zu ihren nächsten Nachbarn vertiefen werden.“

„Titos Vermächtnis“ Thema in Ö1-Sendungen:

In einem anschließenden Pannel diskutierte Ö1-Redakteurin Barbara
Zeithammer mit Journalistin und Zeitzeugin Olivera Stajić, dem
Diplomaten und Balkan-Experten Wolfgang Petritsch und Historikerin
Marie-Janine Calic, Professorin für die Geschichte Ost- und
Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München, zum
Thema „Titos Vermächtnis – Ein Mythos und die Zeit danach“. Das
Expertengespräch wurde für das Radio aufgezeichnet und ist am 9.
Dezember in den Ö1-„Passagen“ (21.00 Uhr) zu hören. Im Jänner 2027
folgt ein „Betrifft: Geschichte“ über „Tito und das Jugoslawien
danach“ mit Historikerin Marie-Janine Calic. Auch ein „Punkt eins“-
Bericht (13.00 Uhr) am 21. September über die aktuelle Lage in
Serbien nimmt Bezug auf die „Tito“-Dokumentation.

Details zur „Universum History“-Dokumentation „Genosse Tito –
Partisan, Volksheld, Diktator“ sind unter https://presse.ORF.at
abrufbar.